aufgelöst

Nach gerade mal vier Stunden Schlaf höre ich das ausnahmsweise wiedereinmal lautlos gestellte Mobiltelefon zum dritten Mal vibrieren. Das Geräusch mischt sich mit den planlos verzweifelten Gedanken. Wie konnte das wieder kommen? Wie soll sich das je auflösen können? Wie kann ausgerechnet er mir sagen, was ich tun muss? Was ich ihm zumute, wenn ich an dieser Stelle nur affektiv reagieren kann?

„Es ist so weit. Sie ist im Krankenhaus, hat alle zehn Minuten Wehen. Ich bin noch beim Dreh. Kannst du bitte den Hund holen?“

Der Hilferuf kommt im perfekten Moment. Ich kann nicht anders, als mich zu freuen, weil ich weiß, wie sehr er sich freut. Mitten in die wieder offengelegte Wunde platzt diese Freude. Und weicht in mir die Fronten auf.

Als ich mit dem Hund zurückkomme, rufe ich F. noch einmal an. Stottere ins Telefon, dass es mir leid tut, wie das gestern gelaufen ist. Und auch nicht. Weil ich wieder spüre, wie wund der Schmerz noch ist. Wie groß die Wut auf R., der sich nur im Davonlaufen übt. Diese Übung wohl ziemlich perfekt beherrscht. Wie ungeklärt das alles ist. Wie wenig ich dem ganzen Übel im Endeffekt ausweichen kann, ohne alles zu sprengen und nachhaltig zu zerstören. Womit ich vielleicht meine Genugtuung hätte. Aber die Verluste auf allen Seiten sind dabei nicht einzuschätzen. Dass ich also weiß, dass das zu behandeln sein wird.

Er will mich nicht verstehen. Meint, ich würde das Gleiche sagen, wie gestern. Zu keinem Klärungsversuch, zu keiner Auseinandersetzung [mehr] bereit sein, außer ihm immer wieder eine affektive Hölle zu bereiten, wenn das Thema aufkommt. Nicht bereit, die Auseinandersetzung zu führen, die ich damals schon suchte, wollte. Und irgendwann nicht mehr, nachdem sie mir so lange Zeit verwehrt blieb.

Ich suche nach Antworten, ringe nach Luft und Fragen. Versuche, F. zu verstehen, trotzdem. Obwohl mich der Schmerz immer wieder rasend macht. Irgendetwas stimmt nicht, an dem Gespräch. Irgendwann kommt  bei ihm doch an, dass ich mich damit für eine Konfrontation ausgesprochen habe. Dass ich Fragen stelle, um zu verstehen, was er sich darunter vorstellt. Wie er sich das vorstellen kann.

Und plötzlich weiß ich es: „Das wäre eine Situation, die ich mir nur mit einem wirklich guten Mediator vorstellen kann.“

Er spricht sich dagegen aus. Sagt, dass er sich das nicht vorstellen kann. Dass wir das unter uns, nur zu dritt klären können müssen. Fragt immerhin auch, warum ich das wollen würde.

„Ich werde mich nicht noch einmal einer Situation aussetzen, in der ich euch  beiden womöglich ungeschützt ausgeliefert bin. Und ich werde jemanden brauchen, der auch mir sagen kann, wenn ich zu weit gehe. Denn von dir werde ich das in so einem Moment nicht nehmen können.“

Er sagt, er muss darüber nachdenken, weil er sonst jetzt nicht mehr konstruktiv bleiben kann. Und plötzlich weiß ich, als wir auflegen, was daran nicht stimmt:

Er will sich selbst, aufgrund seiner endlich erfolgten „Stellungnahmen“ seit einem knappen Jahr, nicht mehr als Beteiligten sehen. Er behält die Macht, indem er sich als den hinstellt, der urteilen kann, weil ja er die Vermittlung sucht – und damit diese Rolle auch für sich beansprucht. Er sagt, er sieht von seiner Performance viel abhängen, was zwischen R. und mir möglich sein wird, und was nicht. Er sagt, er weiß, dass das wohl kaum ohne gröbere Schäden auf allen Seiten vonstatten gehen kann.

Das funktioniert so aber nicht. Er war Beteiligter, wird deshalb immer Beteiligter bleiben, und kann damit nie ein neutrales Außen sein – er wird also immer vor allem eigene Interessen verfolgen. Diese Interessen aber, bleiben nur implizit und laufen unter dem Deckmantel, dass nur diese unerträglichen Spannungen zwischen R. und mir [diesen zwei wichtigen Menschen in seinem, F's Leben] so nicht bleiben können, und dass ich die Klärung alleine schon für ihn auch selber wollen muss, auch wenn R. es war, der einen derartigen Ansatz am nachhaltigsten sabotiert hat.

Ob das aber auch wirklich in meinem Interesse sein kann, ist für mich ohne Außenblick unmöglich zu klären. Wenn es also wirklich um Klärung geht, müssen wir alle drei in die Positionen zurück, die auch wirklich bestehen: als (unterschiedlich) Betroffene. Egal wer wieviel schon an Aufarbeitung und Stellungnahmen geleistet hat, oder nicht. Um genau auch solche Fragen vielleicht  ein wenig klären zu können und alle Positionen als die zu bestimmen, die sie waren und vor allem: auch jetzt sind. Als drei Betroffene. Davon darf sich niemand ausnehmen, wenn es denn wirklich um Klärung gehen soll.

~ von psewdonima am 21. Juni 2009.

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