blickrichtungen

Und wenn das Beste an dem Film, den ich nur für einen Blick aus den Augenwinkeln mitbekommen habe, genau dieser Bruchteil einer Sekunde des blanken Entsetzens in den Augen des Mannes ist, als er den Toten in seinen Armen als wirklich direkt vor seinen Augen gerichtet realisiert, dann war es diesen Blick wert.

Dieser Blick erinnert mich an den Einstieg in die „Tübinger Poetikvorlesungen“, die Marlene Streeruwitz mit dem Satz beginnt:“ In Mittelafrika gibt es einen Stamm, bei dem den jungen Männern zur Initiation der Bauch aufgeschnitten wird. Die Initianten müssen auf ihr und in ihr Inneres in der geöffneten Bauchhöhle blicken. Danach wird der Bauch wieder geschlossen.“

Wie kann ein solcher Blick ein anderer sein, als ein fassungsloser, als einer voller Entsetzen? Auszuhalten in Streeruwitz’ Schilderung nur durch absoluten Glauben und Vertrauen. Vertrauen darauf, dass jene, an die sie glauben und die sie in diesem Moment in den Armen halten, ihre Gemeinschaft also, ihnen nichts Schlechtes wollen. Dass sie, aufgrund des Erlebens der äußeren Beschädigung, ja sogar einer lebensbedrohlichen Öffnung, und der anschließenden wundersamen Wiederschließung, dieses Vertrauen und dieser Glaube nur bestärkt wird. Durch genau diesen Akt werden sie als vollwertiger Mensch in die Gesellschaft aufgenommen. Sie müssen ihrer Gemeinschaft endgültig vertrauen.

Wenn nun aber diese Erfahrung fehlt, nicht, weil sie gar nie erst bestand, sondern weil diese stillen Versprechen zu oft gebrochen werden; wie kann dann etwas anderes als immer wiederkehrendes Merkmal bleiben, als dieses hilflos versteinerte, blanke Entsetzen im Blick?

Das war es, was ich in diesem Moment begriffen habe, in diesem flüchtigen Augenblick auf der Mattscheibe;
diese Figur hat einfach jedes Recht, in diesem Moment des Begreifens der Ausgeliefertheit einer endgültigen Brutalität über den Gerichteten in seinen Armen, blankes Entsetzen zu sein. Und sie wird nie mehr ohne dieses Bild leben können. Sie kann nur lernen, mit ihm zu leben und hoffen, dass sich dieser vollkommen ausgelieferte Blick nicht allzu oft wiederholen muss.

~ von psewdonima am 27. Dezember 2008.

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