verfahren

•21. November 2009 • Kommentar schreiben

Während die Stadt in ihren Nebelschwaden versinkt, endet die Nacht bloß, weil die große Unwahrscheinlichkeit einer Parklücke vor der Türe so schamlos aufklafft – und für mich entscheidet.

versprochen

•13. November 2009 • Kommentar schreiben

Ein typisches Machtinstrument ist seit jeher die Verwaltung von Information und Wissen. Angst vor Machtverlust zielt darauf ab, hierarchische Strukturen herzustellen oder aufrecht zu erhalten. Am einfachsten geht das, indem in Formen von Abhängigkeiten (wie sie jede Art von Beziehung automatisch auch ein Stück mit sich bringt – ob es sich nun um ein Arbeitsverhältnis handelt, oder um eine Partnerschaft..) durch strenge Informationsverwaltung ein zunehmendes Gefälle sozialpolitischer Hierarchie erzeugt wird.

Welches Problem ich mit solchen Strukturen habe? Sie tendieren logisch weiterverfolgt zunehmend zu psyopathologischem Einzelverhalten. Rationale und irrationale Ängste werden gefördert, Macht in unteren Positionen muss immer perfider demonstriert werden, um das letzte Stückchen Boden unter den Füssen nicht zu verlieren. Dabei bleibt eine ganze Menge auf der Strecke, wie Möglichkeiten des Entgegenkommens, Vertrauens, jede Form des gut gesonnenen kooperativen Verhaltens. Die direkte Gegenwehr, die offene Kommunikation wird fürs System zur absoluten Bedrohung und muss strikt kontrolliert und sanktioniert werden. Die Möglichkeiten der Abgrenzung verkommen dann tatsächlich nur noch zu pathogen betriebenen Abwehrmechanismen, die so praktiziert mit „sich vertreten können“ meist nur noch wenig gemein haben.

Gezielte Informationsweitergabe kann also immer auch als Einladung, als Türöffner, Geste und Angebot, näher zu treten verstanden werden. Es ist ein Angebot, sich als ebenbürtige, erwachsene Menschen zu begegnen, die in der Lage sind, im Fall des Falls eine wenigstens ansatzweise kommunikative Handlung zuwege bringen zu können, und im Fall einer Meinungsverschiedenheit über die Sache selbst in Diskurs treten zu können. (Im Sinne der Habermas’schen Theorie des kommunikativen Handelns als nie direkt erreichbare Idealsituation.)

Menschen, die (in jeder Form von Beziehung) mit deutlich kommunizierten Informationsangeboten – und damit klarer Positionierung – geizen, zeigen ihre Angst, indem sie danach trachten, ein klares Machtgefälle zu erzeugen und zu bewahren – und um sich somit nie direkt legitimieren, vertreten und beweisen zu müssen.
Menschen, die (anscheinend) alle Information sofort einfach jedem vor die Füsse schleudern signalisieren von vornherein ihre Schwäche in einer absoluten Unterwerfungsgeste, die ein ebenso aggressives Moment beinhaltet, nämlich die Aufforderung ihre Führung zu übernehmen – und damit aber auch ihre Verantwortung.

Zu glauben, dazwischen gäbe es nichts, ist schlicht gesprochen einfach Bullshit.

Das ist es wohl auch, warum angemessene Informationsweitergabe immer auch eines der stärksten Mittel bleibt, um wahre Größe – und damit Wertschätzung – ausdrücken zu können.

Und genau so verstehe ich auch den eben aufgeschnappten Satz: „Sieh dich vor schwachen Männern vor, denn sie müssen gefährlich sein – und alles für ein kleines bisschen Macht tun..“.

Intelligentes Informationsmanagement, um bei diesen ach so modernen Begrifflichkeiten zu bleiben, wird so betrachtet ein seltenes und wertvolles Gut – denn das weiß verdammt viel über eine Person, ihr Selbstwertgefühl und damit ihre Fähigkeiten zu einem erwachsenen, anerkennenden, weil gleichberechtigt-kooperativen Umgang auszudrücken. Die impliziten Botschaften in solchen Strukturen sind, einmal durchblickt, gar nicht leise – sondern schreien zum Himmel.

Umso bemerkenswerter beginnen Anrufe wie die hier zuletzt zitierten, in meinem Verständnis von gewollter Alltagsrealität in ihrer Bedeutung weiter zu steigen.

„Grundlage allen Vertrauens ist die Darstellung des eigenen Selbst als einer sozialen, sich in Interaktionen aufbauenden, mit der Umwelt korrespondierenden Identität.“
Lumann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Redaktion sozialer Komplexität. 3. Aufl. Stuttgard 1989. (S 68)

verdient

•11. November 2009 • Kommentar schreiben

Und dann läutet also das Telefon, und die Stimme am anderen Ende stellt sich kurz vor, stammelt wenige Sekunden lang Unklarheiten und fragt dann etwas abrupt: „Bist du glücklich?“

Und nein, werte Freunde [ich gehe mal einfach davon aus, dass die hier regelmäßig mitlesenden mir freundlich gesonnen sind], das war diesmal tatsächlich keiner meiner hochgeschätzten Ex-Freunde, die hier für solche oder ähnliche und verschiedene andere Aktionen inzwischen wohl schon bekannt sein könnten. Tatsächlich ist es der Chefredakteur einer Zeitung, den ich flüchtig virtuell kennengelernt habe – der mir ein Jobangebot macht.

Ja, tatsächlich, auch das kann es geben. In Zeiten, wo ich rund um mich Menschen an der Jobsuche verzweifeln sehe, erlebe, wie gering geschätzt man die meiste Zeit behandelt wird, als Arbeitnehmer, wo ich rund um mich übelste soziale Strukturen zu sehen bekomme, ruft mich dieser Mensch an und meint nur: Vollzeit oder Teilzeit angestellt, oder willst du doch lieber freiberuflich bleiben? Du hast die freie Wahl. Und ja, ich kenne deine Arbeit, ich kenne deine Seite, deshalb möchte ich dich einladen, zu uns in die Redaktion zu wechseln. Du hast erst Ende November Zeit für ein Gespräch? Kein Problem, dann weiß ich wenigstens schon die genauen Budgets, damit wir wirklich ganz konkret sprechen können. Also, machen wir doch einfach gleich einen Termin aus. Wo willst du dich treffen, oder kannst du einfach bei uns vorbeikommen?

Ja. Diese Ausgangslage lässt aufatmen. Nachdem mein aktueller Arbeitgeber mich inzwischen seit bald vier Monaten auf einen Termin warten lässt, um die Konditionen neu zu verhandeln, und auch sonst Wertschätzung dort wohl insgesamt ein ziemliches Fremdwort ist, bin ich erleichtert, wieder einmal erleben zu dürfen, dass es vielleicht wirklich manchmal auch ganz anders sein kann.

gewendet

•2. November 2009 • Kommentar schreiben

Im Trubel der Tage kommt es zu einem ungeplanten Gespräch.
Sie ist ein quirliges Wesen, klein, zierlich, temperamentvoll und herzlich. Bei unserer ersten Begegnung kam ich meiner Art entsprechend leicht verspätet in den längst überfüllten Raum, um Eva Illouz über Gefühle in Zeiten des Kapitalismus berichten zu hören. Als ich eintrete, blickt sie von ihrem Notizbuch auf, sieht mir direkt in die Augen, nimmt ihre Tasche vom Stuhl neben sich – und nickt mir auffordernd zu. Später erzählte sie einmal, dass sie nicht wusste, warum und für wen sie den Platz eigentlich besetzt gehalten hatte. Wir haben keinen wirklich engen Kontakt, den hatten wir nie, und doch blieb ab da immer  eine Form von Verbundenheit, die zu einer guten Art der Verbindlichkeit geführt hat. Die Vereinbarung lautet in etwa zu wissen, was man sich alles nicht zumuten kann, wie mir zum Beispiel zu anhänglichen, erwartungsschwangeren Kontakt. Das war stillschweigend und in bester Selbstverständlichkeit Grundlage unserer herzlichen Offenheit, wenn wir uns begegnen.
Als sie mich anruft fragt sie, wie denn mein Urlaub war. Sie fragt, wie es mir geht. Sie nimmt in ausgesprochener Zustimmung teil, an meinen üblichen großen Fragen, die mich immer begleiten, in größerem oder kleinerem Ausmaß. Sie erzählt über ihre Komplikationen in ihren Arbeitsbeziehungen und sonstigen Bindungen. Als wir uns fühlbar dem Ende der Unterhaltung nähern, bemerkt sie beiläufig:

„Mir wurde Multiple Sklerose diagnostiziert.“

Ich kann kaum anders, als sie zu fragen, wie sie sich denn unter diesen Umständen eigentlich meine – doch so hausgemachten – Krisen anhören wollen könne, wenn sie doch selbst soeben erst in eine extern diagnostizierte gezwungen wurde.

Sie glaubt nicht an die unbegründete Erkrankung. Sie ist überzeugt, durch ihre Art zu Leben dazu direkt beigetragen zu haben. Sie glaubt nicht an sich, als unschuldiges Opfer. Sie meinte nur: „Ich hätte mich all diese Dinge, die bei dir den Alltag ausmachen, selbst viel konkreter fragen müssen. Ich habe immer wieder weiter gemacht, durchgebissen, Ziele verfolgt. Ich wusste, wieviel auch einfach falsch rennt, das mir nicht gut tut auf Dauer. Ich habe mich den Fragen nicht in der notwendigen Intensität gestellt, die für dich so alltäglich ist. Es tut mir gut, an dir zu sehen, dass man sich diese so Fragen stellen kann. Sie stehen bei mir nun eben auch an.“

Als wir uns verabschieden vereinbaren wir, dass ich ihr Leiden für mich behalten werde. Sie will nicht als erkrankt angesehen und behandelt werden. Sie will sich, in den Momenten, in denen sie ihre Höhle verlassen kann, in die sie sich erstmal zurückgezogen hat, als sie selbst behandelt wissen. Sie weiß, dass sie auf mich vertrauen kann, in beiderlei Hinsicht, weil sich für mich tatsächlich nichts ändert. Sie bleibt der gleiche Mensch für mich und sie gehört vor allem auch zu jenen Menschen, die ihr Leid nicht instrumentalisieren, um andere an sich zu binden. Somit wird sie auch von mir keinerlei Gegenwehr zu befürchten haben. Ich kann ihr geben, was sie braucht, solange sie meine Grenzen respektiert. Und das tut sie, weiß Gott. Das ist es wohl auch, was uns immer schon so unerklärt verbunden hat. Es wird sich nichts direkt ändern, aber sie kann mit jemandem sprechen – und man weiß, stillschweigend um die vielschichtige Verbundenheit, die sich nach und nach aufbaut, wenn man sich das nächste Mal sieht.

Ja, es ist schon so: Menschen vertrauen sich vor allem dann gerne an und können sich gut aufgehoben fühlen, wenn sie darauf zählen können, dass ihr Gegenüber unbetroffen bleiben kann. Nur dann kann man hinhören. Und das ist die einzige Möglichkeit zu helfen, die es in Wahrheit gibt.

beschränkt

•31. Oktober 2009 • Kommentar schreiben

Als ich noch Kind nach der Anzahl an Jahren war, hieß es, wenn ich glücklich fantasierte *was ich alles einmal sein könnte und machen würde* in tiefer Abscheu, „ich solle doch nicht so großkotzig daherreden, sondern mich erst mal endlich beweisen..“.

Die ebengleichen Urheber des angeführten Zitats – und natürlich inzwischen noch ein paar Neue mehr, die sich da wunderbar angeschlossen haben – sind es, die bis heute selbst natürlich die größten Erwartungen in mich setzen; aber an ihrer Haltung hat sich in Wahrheit nicht viel geändert.

Verdammt noch mal, ihr könnt mich alle mal, ich hab’ gerade mal wieder dermaßen die Schnauze voll von euren Paketen, die mir meine Schultern zerschmettern, in der Wucht, mit der sie immer wieder aufs Neue auf mich herunterprasseln! Ich bekomme das große Kotzen, wenn ich mich immer wieder in dieser unzumutbaren, altbekannten Situation wiederfinde, dass eure so logisch argumentierten Ansprüche an mich nur als Forderungen daherkommen. Welche eurer Ressourcen stellt ihr eigentlich für mich bereit, während ihr die meinen aber fordert und nach ihnen greift? Während ich Tag um Tag versuche zu lernen, mit den Menschen um mich so wie sie eben sind zu leben, ohne meine Liebe für sie darunter leiden zu lassen, bleiben diese unbeholfenen Ansprüche umgekehrt aber Tag um Tag bestehen.

Fuck you, ich hab’ es satt, ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr! Deshalb muss ich handeln. Und ich warne euch: ihr werdet euch langsam aber sicher erst wirklich weh tun, an mir, wenn das so weitergeht.

Denn der Effekt dessen ist, dass man fügsam wird, auf eine ziemlich perfide Art und Weise. Nach dem Motto: Das Leben ist leichter, seit ich aufgehört habe mir vorzustellen, wie es anders sein könnte.

Ja, ich habe schließlich mit großer Bereitschaft, viel Mühe und einer Menge harter Arbeit gelernt, soziale Etikette anwenden zu können. Das hat einiges in meinem Leben verändert. Aber so macht es mich krank.

Und für mich braucht’s jetzt dringend ein bisschen besänftigende Fantasie:

wiederkehren

•22. Oktober 2009 • Kommentar schreiben

Es ist eine Illusion, anzunehmen, dass nicht jedes Temperament seine Formen der Distanzierung bräuchte. In manchen Fällen sind die Strategien leise, elegant, indirekt, ein wenig heimlich und nur so implizit indifferent spürbar. In anderen kommen sie deutlich grobschlächtiger daher, eindeutig, aufbrausend und immer etwas zu weit über die Stränge schlagend. Sich damit auszusöhnen, auf beiden Seiten, ist wohl wirklich nicht ganz einfach.

Und so endet der schöne Urlaub also etwas abrupt, in der erholsam frischen Wiener Oktober-Nachtluft, nach einer, im Großen und Ganzen wirklich unerwartet harmonischen Woche so dringend notwendig nachzuholenden Sommers.

Die eigenen „Verfehlungen“ aber danach einfach ein wenig auszuhalten, wenn man sie schon nicht abwenden kann, macht die überraschende Wendung wohl erst wieder gut möglich: Zärtlich, liebevoll und zuversichtlich ruhen die Gedanken und Gefühle im erholten Geist – und die lebhafte Zuneigung drängt sich wie ein heller kleiner Bach aus glasklarem Wasser durch die schroffen Seiten der Seele.

[Zumutungen: I'm always a little too much for you – oder: Alles andere wird bei passender Gelegenheit auf der anderen Seite nachzutragen sein. Wenn die Filigranität des dezenten Naturells überlastet wurde, muss ich eben ertragen, nicht alles gleich in einer großen Geste einfach wieder Gut machen zu dürfen. Sublimierung: ich komme.]

wachsam

•11. Oktober 2009 • Kommentar schreiben

Wie also ist das, mit den Miezekatzen? Ein voller Raum, den man im Grunde nur besucht, um zu beobachten. Ich denke an F, wie er mich inzwischen zumeist nur noch die Facetten von Kätzchen bis Löwin hinauf und zurück nennt, als ich den unbedingt nötigen Platz mit Ausblick eingenommen habe. Natürlich bin ich schließlich wie immer alleine da. Natürlich spüre ich die Blicke, natürlich bleiben manchmal Menschen stehen, und versuchen mit mir ein Gespräch zu beginnen. Natürlich bleibe ich zurückhaltend freundlich, ohne etwas anfangen zu können, mit diesen meist so plumpen Momenten der Kontaktsuche. [Und direkt ist wahrlich etwas anderes, als plump!] Nur einer ist dabei, der einzige der heutigen Musiker, den ich für wirklich durch und durch fähig [weil so eindeutig durchdringend seine Musik und seine Kollegen fühlend] halte, der bloß diesen einen, passenden Moment stehen bleibt, ruhig unter seinen dicken Brillengläsern hervor meinen Blick fängt, meine Hand nimmt und sagt: „Schön, dass du heute hier bist“. Im Grunde aber bin ich erleichtert, meine Ruhe zu haben. Während ich also erhöht stehe, mit freiem Blick über die Bühne und all die anderen, sind alle Sinne geschärft, auf jede einzelne Bewegung, die zwischen den Musikern der neun Auftritte abläuft.
Neun Leben. So sagt man doch?
Die wenigen schweren Regentropfen, die den Heimweg begleiten, erfrischen, weil sie nicht wirklich nässen, sondern nur die Luft so herrlich frisch machen, während ich mich frage, warum es für andere bloß immer wieder so beeindruckend scheint, wenn man nur ruhig für sich stehen kann. Abseits der Naturellfrage, war es natürlich eine Zwangslage, aus der ich (wie immer) das Beste versucht habe zu machen, die möglich und bestimmt hat, die zu sein, die ich heute bin.
Dennoch: Als würde einfach noch fehlen, Beute gemacht zu haben, reiße ich zu Hause gierig ein paar Stückchen Hühnerfleisch aus dem für mich hinterlegten Teil, aber nur, um nach wenigen Bissen auch schon wieder genug zu haben, und mich halbbefriedigt auf die, nach der viel zu kurzen letzten Nacht, endlich wartende, kuschelig wohlige Wärme zwischen den Laken zu freuen. Ich kann nicht aus, mich dabei zu fragen, wie ich wohl nun gesehen würde, in diesen Momenten? Ist es vielleicht tatsächlich so, dass nur die Wenigsten in der Lage sind, diese andere Seite zu ertragen? Diese Gier, die in meiner Wechselhaftigkeit auch steckt, wenn ich lange genug erfolglos gelauert habe?
Wenn ich mich aber frage, wann und wie es mir gut geht, dann drängt sich ein überdeutlicher Verdacht auf: In jedem Fall vermutlich wirklich niemals ohne diese erholsamen Gegensätze. Ich sollte mir diesen Vergleich zu Herzen nehmen und tief in den Verstand verankern – dann lässt sich damit vielleicht wirklich Leben, ohne darunter selbst auch immer wieder leiden zu müssen. Interessant ist dann nämlich wirklich viel mehr, danach zu fragen, wann ich etwas als Erfolg verbuchen – und warum ich den verzögerten Erfolg nach wie vor zumeist nicht wirklich genießen kann. Oder ist so ein Wesen bloß einfach nie wirklich satt zu kriegen?

Wie dem auch sei.

verschnitten

•9. Oktober 2009 • Kommentar schreiben

Dass der Bildschirm meines iBooks inzwischen endgültig ausgefallen ist, beschert mir eine neue, äußerst unangenehme Erfahrung. Tatsächlich fühle ich mich bedenklich so, als wäre mir etwas amputiert worden. Der externe Bildschirm als Überbrückung zwingt mich an den Schreibtisch, fort aus meiner kleinen kuscheligen Welt, die ich mir im Wohnzimmer für meine Tage gebaut habe – und schlagartig wird mir bewusst, wie viel Zeit ich tatsächlich täglich vor dem Rechner verbringe. Es ist verrückt, aber ich kann mich noch schlechter konzentrieren, als ich das ohnehin schon zumeist kann. Stattdessen raubt mir ein unerträglich pochender, unnachgiebig treibender Sog in den anderen Raum den letzten Funken an Konzentration und Machbarkeit all der Dinge, die so dringend anstehen, bevor ich endlich nach Jahren also einmal in Urlaub fliegen werde. Ein kurzes Aufatmen, dass ich ab morgen ja einen neuen Gefährten mein Eigen nennen darf, macht mir bewusst, wie wenig ich gewillt bin, die Tage bis Anfang kommender Woche (wo ich tatsächlich den kurzerhand organisierten neuen Nachfolger in Empfang werde nehmen können) in dieser gehandikapten Weise als Tage überhaupt nur zu denken.

Da bleibt nicht aus, sich einen Moment zu fragen, wie viel Suchtverhalten in Wahrheit hinter meiner eingerichteten Art zu leben verborgen liegt. Wie viel meines so oft so ausgeprägten Brauchens habe ich tatsächlich sublimieren können? Wie viel ist nur verborgen, unter den Rahmen, die den Schein vor mir selbst und anderen etwas besser wahren können? Zwischendurch denke ich also – gut so. So bin ich gezwungen, mich diesen Fakten zu stellen. Das bietet eine Chance, sich wiedereinmal ernsthaft zu fragen, wie man sich einrichten will. Allerdings fange ich langsam wirklich an zu zweifeln, ob das überhaupt geht. So lange schon bin ich an derartigen Fragen immer wieder dran, so wenig haben mir meine Beschlüsse je geholfen. Ich fange an, an den Möglichkeiten der Veränderung zu zweifeln. Und das aber wirft wieder ganz andere Fragen auf. Und dann muss ich einfach nur feststellen: Es ist nicht viel über, gerade, von mir. Die Erschöpfung dominiert einfach alles.

Allerdings: Urlaubsreif.

verdaut

•4. Oktober 2009 • Kommentar schreiben

Der Mond leuchtet so schön nahezu voll am wolkenlosen Himmel, und schon wieder nur wenige Stunden später, kann ich kaum noch nachvollziehen, welche ambivalenten Teufel mich immer wieder reiten. Der Nachmittag war tatsächlich reizend, obwohl mir meine Mutter so unendlich auf die Nerven gegangen war davor. Der beste Freund unseres alten, verstorbenen „Hausfreundes“, zu dessen klingenden Namen ich mir bei jedem Anlass jede Mengen Geschichten anhören durfte, entpuppt sich als ebensolches Naturell, wie könnte es auch anders sein, wie es wohl alle diese von mir so geliebten alten Lebemänner verbunden hat, in meinem Leben. Zu schade, dass auch er bereits Mitte 80 ist. Seine blauen Augen strahlen mit dem Himmel um die Wette, als er mich überschwänglich begrüßt, mir glücklich einen alten Brief aus N.F’s Nachlass in die Hand drückt und sagt: „Spätestens als ich diesen Brief von dir gelesen hatte, wusste ich, dass ich dich einfach unbedingt noch kennenlernen muss.“

So waren sie, die Männer, die mich so unvergesslich geprägt haben: Nie wirklich alt, auch nicht mit schneeweißen Haaren, bis zum Schluss strahlend schön, neugierig und offen, voller Leidenschaft, absolute Unikate und oftmals Koryphäen auf ihren Gebieten, die bis zum Schluss nie an so etwas wie „Pension“ dachten. Sie waren Größen, nicht immer von ihrer Statur, aber immer in ihrer Wirkung. Inzwischen sind sie alle verstorben, haben meine Jahre gesäumt, mit ihren Ableben. Begonnen mit meinem zutiefst verehrten Onkel, der Klavier und Saxophon spielte, als ob es kein Morgen gäbe, dem die Frauen zu Füßen lagen, dem leidenschaftlichen Jazz-Musiker mit dem strahlenden Lachen – der passender Weise, ebenso wie meine ebenso eindrucksvolle Großmutter, viel zu früh verstarb. Wir hatten immer eine ganz besondere Bindung. Oder auch der unvergessene Homöopath, der mich seit meiner Geburt begleitete, der letzte seiner Art, der die Irisdiagnostik beherrschte und bis zu seinem letzten Tag auf dieser Erde mit Ende 80 und seiner unverändert großen, gertenschlanken aufrechten Gestalt in tiefem Bass und leuchtenden Augen durch seine Praxis schritt. Aber auch Männer, wie der lebenslustige Herrenschneider, mit dem ich meine Zeit immer tanzend beim Augartenspitz oder im „Gasthaus zum Sieg“ verbrachte, entsprachen diesem Typus sehr. (..)

Immer wenn ich ihnen begegnete, war da auch als Kind schon sofort dieser Wiedererkennungseffekt, so auch heute, als mich der immer noch ordinierende Zahnarzt und begeisterte Uni-Professor mit dem italienischen Namen und dem bewegten Leben so herzlich begrüßt – und sich mit mir in lebhafte Gespräche und Debatten verflocht. Am einigsten sind wir uns sofort, dass wir jederzeit anderer Meinung sein dürfen. Seine jüngste Tochter ist übrigens 17. Beim Verabschieden lädt er mich ein weiteres Mal nach Graz ein und sagt: „Du weißt, du bist immer Willkommen. Unsere Wohnungen stehen dir jederzeit zur Verfügung, wenn du kommen magst. Ein Anruf genügt.“

Menschen wie sie, sind meine Vorbilder, in der Art, wie sie ihr Leben auskosten. Sie geben nie klein bei, tragen was auch geschieht mit Würde, wissen bewegliche Eleganz und Widersprüche so sehr zu schätzen – und leben auch mit ihren Schwächen und Fehlern sehr gut. Sie alle waren begehrt, können begeistern, suchen sich, bei aller auch möglichen Spontaneität, ihre Nächsten sehr sorgsam aus, ist man aber auserwählt, steht das niemals in Frage. Und mich macht es jedesmal glücklich, wenn ich so jemandem begegne. Da lässt sich über die nicht geschafften Aufgaben und alles was dazugehört, gut für einen Moment hinwegsehen, auf den Schlaf freuen und einen neuen Tag einfach wieder aussichtsreicher beginnen. In diesem Sinn: Süße Träume.

nachgetragen

•3. Oktober 2009 • Kommentar schreiben

Das Schiff steuert in einem irrwitzigen Tempo durchs Unterholz, während bunte Sonnenflecken wie leuchtende Farbstreifen vorüber rasen. Den Kopf weit zurückgeworfen, dringt das Lachen aus tiefster Seele lauthals nach außen, während weit hinten am Ende des Boots ein Mann das Ruder bedient.

Sie taucht wie aus dem Nichts seitlich vom Boot auf, jagt voll ungebremster Lebensfreude erst parallel zu mir, während sie mich direkt ansieht, steigert das Tempo und umkreist das Schiff, scheint zu fliegen, so schnell hetzt sie vor dem Bug vorrüber und fängt meinen Blick. Man sieht, dass sie sonst ein hochbeinig schlankes Tier sein muss, ihr seidig schimmerndes selmmelblondes Fell wellt sich an den Beinen und am hochgestellten Schweif in weichen Verlängerungen wie kleine Fahnen im Wind, ihre weiße Gesichtshälfte tanzt mit den schillernden Lichtflecken übermütig um die Wette, als sie nach ihrer Umrundung über den Bug mit einem gewaltigen Satz auf das Boot springt. In unvermindertem Tempo fliegt sie bis ans Ende des Schiffs, springt lachend wieder ab (und ja, auch Hunde können lachen), setzt ihren rasanten Lauf fort, bis wir wieder auf Augenhöhe nebeneinander her fliegen, während wir uns anlachen. Wie sie ihren kugelrunden Bauch überhaupt noch in so einem unfassbaren Tempo tragen kann, ist mir ein völliges Rätsel. Ich kann ihrem ungezähmten Geist und ihren weichen braunen Augen gerade noch versprechen, eines ihrer Jungen aufzunehmen und zu meinem nächsten Begleiter zu machen, während sie mir beruhigt zunickt, als der Wecker zu läuten beginnt.

So glücklich und ausgeruht bin ich schon lange nicht mehr aufgewacht.

*

Stunden später klopfen wieder leise die alten, bohrenden Fragen an. Wie viel dieses Seins, das mich so sehr lachen lässt, büße ich längst ein, mit meiner eigenen Zähmung? Wie lässt sich bloß die Konzentration vereinbaren, mit diesem Temperament, das mich so sehr aufatmen lässt, wenn es seinen Platz findet? Was ist das für eine Sache, mit den eigenen Träumen, wie glücklich können sie wirklich machen? Plötzlich bin ich wieder angewidert von all den Verpflichtungen, mein Unwille gegen das nicht so sein dürfen, die meiste Zeit, macht jedes Arbeiten nahezu unmöglich. Es heute dennoch noch tun zu müssen, lässt mich unrund laufen. Die Wildheit wühlt diese alte, unbezähmbare Sehnsucht auf, sich nicht ständig so sehr beherrschen wollen zu müssen. Alles abzuschütteln, alle Bindungen zu zerstören, die sich gegen dieses aufatmende Lachen stellen, loszufahren, ohne zurückzusehen, bis ich weit genug gelaufen bin, weit genug fort bin von all den Erwartungen, die mir gefühlter Weise immer wieder entgegenschlagen, bis ich wieder gerne zurückkehre in die Konstanz der domnestizierten Welten. Und natürlich frage ich mich gleichzeitig, wieviel Flucht und Angst in dieser alles sprengenden Energie in Wahrheit auch mitschwingt.

Das sind die wirklich gefährlichen Momente, wo ich früher schon oftmals nach den glücklichsten Begegnungen völlig unbewusst und im geläufigen Nebenbei – meine härtesten Waffen ausgepackt habe. Ohne selbst zu begreifen, was ich gerade tue, so tief zugeschlagen habe, dass wirklich viel zu Bruch gehen musste. Ich sollte mich also vorerst besser in gesunder Distanz zu jenen Menschen halten, die das mit Vorliebe so völlig ungerechtfertigt treffen würde. Erst muss ich diese Kämpfe mit mir selbst wieder ein Stück ausgemacht haben, bevor sich damit einigermaßen sinnvoll umgehen lässt. In diesem Zustand bin ich sonst eine einzige, tickende Zeitbombe, unbeherrscht, grausam und ungerecht. Und dieser Teil an Zerstörungslust ist alles andere als konstruktiv und angebracht. Woher sie kommt, ist mir immer noch nicht wirklich völlig klar.

Aber wenigstens will ich also keine Scheuklappen mehr tragen. Und das ist ja auch schon etwas.

bewegt

•3. Oktober 2009 • Kommentar schreiben

Manche Abende werden unerwartet zum Ladegerät für die zerschrammte Seele. Angehängt, eingeklinkt, selbstvergessen und aufgetankt in all dem überraschend guten Kontakt. Gespräche, Kunst, Musik, Übermut, Lachen, Tanzen: Eingetaucht in eine Atmosphäre, wie ich sie immer wieder so dringend brauche, um wieder das Gefühl zu haben, richtig durchatmen zu können. Ja, es ist schon richtig, wirklich erholsam kann wohl nur „die eigene Homebase“ sein. Die Orte und jene Menschen, für die man als das Temperament mit den dazugehörigen Eigenheiten offen angenommen werden kann.

Und langsam fange ich an, wirklich zu begreifen: Körperlichkeit ist es, im weitesten Sinn, die mich heilt. Plötzlich werden die Bewegungen wieder geschmeidig, in allem was man tut, das Gefühl, in einen Fluß einzutauchen, greift wieder, egal ob hinter dem Steuer des Wagens, oder gegenüber Menschen und Situationen. Was bei mir immer bleibt: es braucht ein Gegenüber – und die Bewegung. Sein dürfen, als das, was man ist, ob dieser Bedarf nun ursprünglich aus einer Not entstanden ist, oder ein Selbst überhaupt erst ausmacht, diese Fragen werden vollkommen irrelevant. Wenn der Absturz droht, braucht es einfach die zur Verfügung stehenden Methoden, die die Tiefe des Falls zu dämpfen vermögen. Ein Partner darf in diesem Moment nicht im Weg stehen, und wenn er es tut, muss man sich selbst dagegen stellen, sich selbst verteidigen. Setze mir keine Grenzen, die ich in so einem Moment womöglich noch nicht zu wahren im Stande bin, sonst bleibt mir keine andere Wahl, als zu gehen, um mich selbst zu retten. Zu behaupten, man bräuchte es nicht, man könne auch anders, wird ein gefährlicher Akt. Vielleicht wird der Tag kommen, wo nicht mehr die Berührung anderer Menschen, oder besser: das Berühren dürfen und können verschiedenster Menschen in den jeweils benötigten Formen der Schlüssel zur eigenen Kraft ist. Aber jetzt ist dieser Tag noch nicht gekommen. Manche nannten mich dafür „den ersten echten Macho im Frauenkörper, den sie je kennen lernten“ (mein verehrter „Alt-Herren-Club“ im Fluc, mit denen ich mich also blendend verstand), andere nennen mich für die gleiche Fähigkeit unter anderen Vorzeichen „eine Heilerin“. Es ist irrelevant, welches Etikett dieser Art des Erlebens, dieser Form der Regeneration und Selbstheilung verpasst wird, es ist irrelevant, dass diese Form des Umgangs sich manchmal auch gegen einen selbst richten kann. Für mich ist es schlussendlich immer wieder die Sinnlichkeit, die unverändert diese direkteste Möglichkeit des wieder zu sich Kommens bereithält, es ist die unmittelbare Berührung, die sich oftmals den Maßstäben sozialer Normen und der Moral entzieht, die mir aber auch schlagartig wieder den Boden unter den Füßen zurückgeben kann, wenn alles taumelt und kämpft, und die Geschmeidigkeit zurückbringt, in einem einzigen Moment. Das sind die Momente, in denen ich weiß, dass der Schlaf keine Bedrohung mehr sein muss, weil sich nichts mehr wehren muss, und danach also endlich auch wieder Erholung sein darf. Das sind die Momente, in denen die Kraft zurückkehrt, auch jene anderen Wege zu beschreiten, weil sie in weiterer Folge andere Dinge und Ebenen betreffend so viel mehr an Möglichkeiten bieten. Die Vielfalt schmälert meine Liebe für den Einzelnen und die Details nicht, sie macht sie – ganz im Gegenteil – oftmals erst lebbar. Dass jeder andere Formen von Vielfalt braucht, auf verschiedenen Ebenen, wird zur interessanten Facette und ist meist die große Herausforderung zu verstehen, um sich durch Zugeständnisse tatsächlich nach und nach kennen lernen zu können.

Wenn ich also dieses Wissen nicht verleugne, weiß ich auch wieder, wie ich mich erholen kann, wenn’s mal wirklich eng wird – um frei und offen sein zu können, für alles andere, das immer noch so oft so tiefe Angst auslösen kann. Ich werde anfangen müssen, dazu noch weit mehr zu stehen, als ich das bisher je getan habe. Durchatmen und aufrichten, mit all der Bedrohlichkeit, die diese meine Seiten für viele immer wieder auch bedeuten können. Sie nicht klein machen wollen, um handhabbar zu werden, dann nämlich bleibt kaum etwas über von dem, was eigentlich auch so sehr gewollt werden kann. Und ich bin unendlich dankbar, endlich Rahmen und Menschen gefunden zu haben, die diese Form des Daseins zu würdigen, zu wahren – und zu schützen wissen.

[Bei Tieren ist es so viel einfacher, sie gerade für ihre Eigenheiten zu lieben.]

beharrt

•28. September 2009 • Kommentar schreiben

Natürlich habe ich dagegen gehalten. Erst ein paar Bissen hinuntergezwungen, um zumindest das Minimum an Kraft aufbringen zu können, all das hochgeschlagene Wüten wieder tragen zu können, wenn ich damit aus den Räumen unter die großen Bäume ins Freie trete. Der Körper fühlt sich an, als wäre er plötzlich doppelt so schwer, während bei jedem Windstoß Eimerweise Kastanien links und rechts zu Boden fallen. Die aufgeplatzten Früchte glänzen so schamlos satt in der Spätsommerhitze. Die Haut pulsiert, zeigt ebenso gnadenlos offensichtlich, welches Risiko hier eingegangen wird. Aber ich kann mich nicht schon wieder so lahm legen lassen. Ich kann nicht weitermachen, als Opfer. Das ist einfach nicht angemessen. Also beiße ich die Zähne zusammen, setze einen schleppenden Schritt nach den anderen, denen in dieser Form selbstverständlich jede Leichtigkeit fehlt, ohne in den eigenen Rythmus finden zu können, heißt es bloß: zu trainieren. Um nicht umzufallen. Gegen die eigene Schwäche vorzugehen, die sich sonst so rasch als aus dem bohrenden schwarzen Loch im Magen zusammenbraut. Ja, man kann auch über sich selbst triumphieren. Manchmal kann man die härteren Mittel einsetzen, um nicht wieder so viele Schritte zurück fallen zu müssen. Zurückkommen, lange und gründlich unter dem kühlenden Wasser stehen, dem Schweiß jede Chance nehmen, die aufgeschwollene Haut endgültig in wildes Wüten zu begleiten, ein Antihistaminikum dazu – und spüren, wie sich die Qual beruhigt.

Natürlich habe ich wieder viel weniger geschafft, als ich gemusst hätte. Aber ich habe nicht klein bei gegeben. Auch mir nicht. Man muss eben kämpfen, um die eigenen Chancen, um sie wirklich zu verdienen. Und in Wahrheit sind ohnehin oft die Hindernisse erst der wahre Ansporn. Das sollte besser nicht vergessen werden.

geblendet

•28. September 2009 • Kommentar schreiben

Haben sie selbst schon einmal ähnliches erlebt?“ fragt mich einer der wenigen Menschen, denen ich wirklich vertraue heute, als ich ihr die Situation und vor allem deren überdimensionierte Auswirkungen auf mich schildere. Nach kurzem Überlegen bejahe ich ihre Frage und nenne ihr wenige, ganz kurze Beispiele, weit in der Vergangenheit. Später sagt sie: „Mir ist dazu ja im ersten Moment etwas anderes eingefallen, das gar nicht so weit zurückliegt. Eine Situation, wo ihnen etwas Schlimmes zugestoßen ist und sie sich (warum auch immer) nicht wehren konnten, und ihre „Freunde“ ebenso weggesehen haben und nichts davon wissen wollten. Das heikle Gefüge wichtiger war, als eine augenscheinliche Ungerechtigkeit und eine einzelne Person.“

Die frappierende Parallele ist unübersehbar – und dennoch habe ich überall sonst gewühlt.

Mir wird schlagartig übel, als sie das sagt. Und ist es noch.

besonnen

•27. September 2009 • Kommentar schreiben

Zwei Tage inneren Kampf in die Sonne getragen. Die in diesem Zustand nicht wirklich bewältigbare Arbeit auf den Abend verschoben und stattdessen hinaus ins gleißende Licht, zwischen all die schrulligen Menschen mit ihren ebenso großen und kleinen Problemen. Und plötzlich ging mir ein Licht auf: Sie meinte noch zu mir, vielleicht könne ich mit den Informationen ja für mich selbst etwas anfangen. Sie blieb, ganz ihrer Art entsprechend extrem indirekt, andererseits war meine sofortige Abwehr gegen eventuelle Änderungen einer Situation, in der ich es mir so weit eingerichtet habe, bestimmt auch nicht hilfreich. Nicht, dass ich auch nur ernsthaft ein Wort in diese Richtung erwähnen hätte müssen. Sie liest zweifellos gut zwischen den (in diesem Fall meinen) Zeilen, die ich mir allerdings selbst erst erschließen musste.

Ich finde nicht, dass das alles optimal und korrekt gelaufen ist, zwischen den beiden, insofern tue ich mir wirklich schwer, dazu eine Meinung zu haben. Wenn ich mich aber ernsthaft frage, welche Lösung ich bevorzuge, wenn es hart auf hart geht und entweder sie oder er gehen muss (wie es jetzt aussieht), ist meine Antwort eindeutig. Bleibt er, mache ich weiter wie gehabt. Mit ihm zu arbeiten wäre auch davor schon kein ernsthafter Gedanken für mich gewesen. Ich traue ihm einfach nicht, alleine schon nicht, nach dem, was ich mit ihm erlebt habe. Da hilft auch nicht, dass er mich in die Redaktion geholt hat. Würde sie bleiben und die Kulturressortleitung übernehmen, sähe die Sache insofern anders aus, als ich darüber tatsächlich nachdenken könnte. Mit ihr arbeiten, kann ich mir vorstellen. Sie ist gut, in dem was sie tut, ich habe schon viel von ihr gelernt und sie gehört zu den wenigen, von denen ich mir tatsächlich etwas sagen lasse, weil ich sie respektieren und ernst nehmen kann, so wie sie arbeitet. Sie ist extrem gewissenhaft, wenn nur irgendwie möglich, arbeitet immer mehr als nötig, und mag ihren Job. Er hingegen ist aber nur dort, weil er selber den Eindruck hat, als der genialer Schriftsteller, der er eigentlich ist, ewig verkanntes Genie zu sein. Das sind keine sinnvollen Voraussetzungen. (Mal abgesehen davon, wie oft er mir bewiesen hat, dass mit ihm tatsächlich gar keine Klärung möglich ist, selbst wenn es augenscheinlich einen Konflikt gibt. Er bewahrt sich das kalte Schweigen, in meinem Fall. In ihrem sah das ganze noch um einiges härter aus.)

Also habe ich sie noch einmal angerufen, um ihr das auch zu sagen. Ich weiß, alles was sie wirklich interessiert, ist Anerkennung ihrer Leistung, von der sie auch tatsächlich mehr als genug einbringt. Ob ich nun persönlich Sympathie für sie empfinde, spielt da in Wahrheit keine wesentliche Rolle. Wir müssten ja beileibe keine Busenfreundinnen werden. Was ich ihr also sehr wohl zusagen kann ist, dass ich ernsthaft darüber nachdenken kann, einzuspringen, wenn er wirklich gehen muss, und mit ihr zu arbeiten. Auch wenn ich selbst größte Hemmungen vor der Struktur vor Ort habe. Aber mit ihr könnte ich arbeitsbedingt bestimmt ein gutes Team abgeben, und wer weiß, was das wieder im weiteren bedeuten kann.

Und nüchtern betrachtet, wäre das natürlich ein Schritt in Richtung „Karriere“ für mich. (Mit der ich ja aber immer schon so meine Schwierigkeiten hatte. Zu oft habe ich erlebt, wie man in externen Strukturen gegen Mauern donnert und gebrochen wird. Zu gut habe ich es mir die längste Zeit inzwischen in dem Motto „Was man nicht hat, kann man nicht verlieren“ eingerichtet. Zu sehr darauf verlegt, nur mir selber und den Dingen, die ich selbst mache oder leite zu vertrauen.) Für mich würde das also erstmal bedeuten, aus meiner verkapselten Eigenbrödlerei zurück in einen Fulltime-Job zu wechseln, mit etwa 50 Stunden die Woche, und nur bedingt angemessener Entlohnung. Immer noch mehr als jetzt, aber dennoch.. Ist mir das all die Freiheiten wert, die ich so habe?

Nun ja, man wird sehen, was sie morgen tut. Wenn sie geht, brauche ich mir darüber so erstmal keine Gedanken zu machen. Dann werde ich mein „mich hinspülen lassen“ zu verschiedenen Möglichkeiten in meinem Tempo vorerst noch nicht unterbrechen. Dann werde ich mir meine eigenen verschlungenen Wege erhalten, die ich inzwischen wenigstens kenne. Wenn er gehen muss, werde ich darüber allerdings ernsthaft nachdenken müssen.

betroffen

•25. September 2009 • Kommentar schreiben

Es ist elf, denke ich, Zeit zu schlafen, wenn sonst schon nichts geht, während meine Hand zum Aschenbecher greift, um zu trinken..

Ihre Stimme zitterte, als sie mich am Telefon bat, ob wir uns treffen können. Sie stolpert ungewohnt ungelenk in das Gespräch, als wir uns gegenüber sitzen. Sie muss aufräumen, sagt sie, weil sie nicht mehr kann. Warum sie ausgerechnet mit mir sprechen möchte, kann sie nicht wirklich begründen. „Du warst ja auch betroffen..“ und „Du warst ja in dieser Konstellation zwangsläufig auch ein Stück weit sein Opfer“. Während sie erstmals ausführlicher  von den vergangenen anderthalb Jahren und der Zeit davor erzählt, wirkt sie dennoch wieder über weite Strecken gewohnt unberührbar. Sie hat sich nie direkt gewehrt, hatte gewartet und beschwichtigt, Positionen vermieden, die Oberfläche gewahrt, weil es ja so nicht endlos weitergehen kann, es sich einfach wieder einrenken müsste, wenn sie nur genügend Chancen lässt. Als er dazu übergegangen ist, auch vor ihren gemeinsamen Freunden, in ihrer gemeinsamen Zweckgemeinschaft vor Ort so mit ihr zu sprechen, sehen sie weg, tun, als hätten sie nichts gehört. Als sie beginnt, sie darauf anzusprechen, weichen sie aus und tun nichts. Sie wollte ihren Job nicht aufgeben, nicht direkt kämpfen, um nicht zu verlieren, wollte daran glauben, dass niemand so endgültig so bleiben kann. Nachdem er ihr jetzt schließlich auch körperliche Gewalt angedroht hat, kann sie nicht mehr, hat erste Schritte eingeleitet.

Ihre Beschreibung unserer Kollegen kann ich gut einordnen. Die neuen Details klären ein weiteres Stück der tatsächlichen Aussichtslosigkeit meiner unhaltbaren Position im Gefüge. Wieder einmal. Mir hatte alleine die deutlich spürbare Atmosphäre genügt, um nicht bleiben zu können und mich zurückzuziehen, ohne dass mir je so explizit begegnet worden wäre. Es wurden von keiner Seite aus Möglichkeiten eingeräumt, etwas zu klären, was ich damals schon einige Male versucht hatte.
Heute fragt sie mich, was ich tun würde, an ihrer Stelle. Ich weiß nicht wirklich, was ich sagen soll. Bleibe zurückhaltend. Ob ihr meine Abwägungen geholfen haben, kann ich nach wie vor nicht wirklich einschätzen, auch nicht, was sie tatsächlich von mir wollte. Ihre Augen bleiben wie immer die meiste Zeit undurchdringlich – und mir damit nur die Analyse meiner eigenen Einschätzungen. Wenn nur ein Bruchteil dessen stimmt, was sie beschreibt, sind mir anderthalb Jahre eine unvorstellbar lange Zeit. Und einen Teil davon habe ich tatsächlich selbst erlebt. Dieser Teil hatte mir ausgereicht, ein Arbeiten vor Ort unmöglich zu machen.
Sie hat viel erzählt und dennoch nicht wirklich viel Preis gegeben.

Ich habe Fieber, als ich gehe. Mein Gesicht ist weiß wie die Wand, die Augen haltlos matt über den plötzlich tiefschwarzen Ringen, als mein Blick sie zu Hause beim Händewaschen versehentlich streift.
Ebenso undurchdringlich wie sie teilweise für mich ist, bleibt mir auch, was mich so sehr mitgenommen hat. Vielleicht nur, dass ich keine Ahnung habe, was ich damit eigentlich tun kann. Vielleicht, weil die Zeit, da ich etwas hätte tun können, schon zu lange vorüber ist. Was es auch ist. Es bleibt nur, auf erholsamen Schlaf zu hoffen.

Bloß: es ist immer noch zu oft so, für mich. [Will ich nur immer wieder aufs Neue einfach zu viel wissen? Andere wären doch gar nicht erst hingegangen, oder?]

*

Kleiner Nachtrag, um keine allzu großen Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Ich halte meine werte, hier beschriebene Kollegin weder für unschuldig noch für schwach, ganz im Gegenteil. Ich schätze sie als jemanden ein, der im Großen und Ganzen sehr genau weiß, wie man seine eigenen Ziele erreicht, ohne sich anderweitig zu sehr die Finger schmutzig zu machen. Ich halte sie für jemanden, der mit bestehenden Systemen üblicherweise sehr gut zurechtkommt, der selbst auch gut in der Lage sein kann, einfach wegzusehen, wenn ähnliches jemand anderem zustößt. Sie wirkt ehrgeizig, stolz und ein wenig eitel, charmant und elegant, aber immer auch sehr kühl und beherrscht. Sie weiß gewisse Oberflächen einfach sehr zu schätzen und ist selbst sehr gut darin, so etwas üblicherweise zu bewahren. Ich fand immer, dass sie und ihr ebenfalls erwähntes Gegenüber perfekt zueinander passen.

Sie hat das, was ihr jetzt dermaßen um die Ohren fliegt, ganz klar miterzeugt. Sie hat die Reaktionen in den Umfeldern, mit denen sie in weiterer Folge nun zu tun hat, aktiv mitgestaltet.

Insofern sehe ich alles, was jetzt statt findet, als Kampf zwischen zwei verflucht ebenbürtigen Gegnern an. Und auf eine Art bleibt in mir das Gefühl, dass ich hier nicht wirklich einschätzen kann, was eigentlich abgeht. Mir ist nach wie vor nicht wirklich klar, was sie eigentlich von mir wollte. Und es irritiert mich zutiefst, dass ich mitbekomme, dass ich sie das aber auch nicht ernsthaft fragen kann. Auf eine Art ticken wir einfach viel zu unterschiedlich.

gelassen

•24. September 2009 • Kommentar schreiben

Jemanden beschenken zu wollen, ist eine heikle Sache. Geschenke und Hilfe haben wohl gemeinsam, dass sie ihren Zweck nur dann erfüllen können, wenn sie beim anderen auch als solche ankommen können. (Außer natürlich es handelt sich um beides als Waffe, wie das beispielsweise in der Tradition des Potlatsch wunderbar beschrieben ist. Dann ist es aber ein Machtdemonstrationsinstrument, und entsprechend anders zu behandeln.) Achtsamkeit ist dafür wohl also das unerlässlichste Werkzeug. Sich [auf- und aneinander] freuen zu können, braucht Raum, um frei und aus sich selbst heraus stattfinden zu können. Alles andere bleibt im schlimmsten Fall wirklich der bloß bemühte Versuch, sich jeweils (vermutete oder verordnete) Wünsche zu erfüllen – und damit Verpflichtung.

So bei sich zu bleiben, dass man den anderen aber überhaupt so weit wahr nehmen kann, ist wirklich eine schwierige Aufgabe. Vor allem, weil das [um einen anderen] Bemühen selbst schon der größter Feind zu sein scheint. Bemühtes Handeln erstickt im Grunde jede Freude bereits im Keim. Den Weg dahin nicht aufzugeben, dennoch, bei allen somit zwangsläufig nötigen Rückfällen, das ist wohl die große Lebenskunst. Der Übung Freude abgewinnen zu können, die auch eigene (Ver-)Spannungen erleben und damit selbst umzugehen bedeutet, ist wohl wirklich, auch wenn ich mich umsehe, zur wesentlichsten  Aufgabe geworden. Das richtige Maß an „dranbleiben“ und „loslassen“, das passende Gleichgewicht an Sinnlichkeit und Besonnenheit herzustellen ist die einzig wahre Herausforderung, um die es hier geht. Die Aufgaben am jeweils anderen Pol dennoch viel weniger unterschiedlich, als man denken mag.

Und die wahre Freude, abseits der Gier ist still. Echte Freude kennt keine Zeit und hat oft wenig mit eigenen Wünschen (oder was man als das vermutet) zu tun. Sie findet erst Raum, wenn es so und so gut ist.

Sich offen freuen zu können, im anderen Rahmen als gedacht, wird zum größten Geschenk, das man sich selbst und allen andern machen kann.

[Richtig gute Tage.]

kinderaugen

•21. September 2009 • 2 Kommentare

Na bitte, da haben wir die Sache mit der Gratifikationsverzögerung doch sogar ganz nett verpackt. Wenn mir jetzt auch noch mal die Studie unterkommen würde, die ich schon so einige Zeit immer wieder ganz gerne „zitiere“..

prozessiert

•21. September 2009 • Kommentar schreiben

Erstmalig seit vielen Wochen die Nacht wieder unter einer flauschigen Winterdecke verbracht, erstmals haben die Spiegel beim Duschen wieder beschlagen. Der erste Tag, den die Tiere wieder zusammen verbringen konnten, ist vorüber, die wenigen heiklen Stunden gestern scheinen gut überstanden. Insgesamt wirkt gerade alles sehr entspannt und kuschelig hier die Tage, und ich muss feststellen:
Ja, jetzt bin ich urlaubsreif.
Erstmals freue ich mich, auf eine bald anstehende Woche gebuchter Auszeit, wo ebenso erstmalig der anbrechende Herbst vor Ort für mich von einer Woche Sommer verkürzt sein wird. Erstmals freute ich mich an der Vorstellung, niemanden haben zu wollen, der mich zum Flieger bringt oder abholt. Erstmals dafür mit F. zusammen in einen Flieger steigen, mit dem ich mich so herrlich „unverbunden“ fühle, gerade. Erstmals freue ich mich, auch aus meinen Netzen für eine Woche aussteigen zu können, weil ich sie inzwischen endlich ausreichend regelmäßig als solche erleben kann, mit allen Vor- und Nachteilen.

Mein Leben besteht täglich aus so vielen ersten Malen. Und dabei frage ich mich heute schon den ganzen Tag – was ist das bloß für eine seltsame Sache, mit der Bedeutsamkeit? Kann es sein, dass man für andere auch bloß so bedeutsam scheinen kann, weil man selbst alles so bedeutsam erlebt? Im herkömmlichen Sinne habe ich tatsächlich nichts davon verdient. Ich kann auf kein großes Werk verweisen, auf kein großes Streben abseits meines Selbst und meiner Umfelder. Ich sehe keine besondere Bedeutsamkeit in und an mir, ich stehe bloß von Tag zu Tag mehr zu den Dingen, die ich eben (auch oft genug nicht) tue – und füge und entscheide eben so bewusst, wie es mir möglich ist. Ist das womöglich alles, was es braucht? Erstmalig weiß ich auch in der Klarheit, dass mir das nicht genügt. Erstmals traue ich mich, weiter zu träumen. Erstmals freue ich mich schon vorab wissentlich auf die Ruhe des Winters, wo nicht so viel buntes Leben tobt und nach draußen zieht, wie in den Hitzen des Sommers. Erstmals kann ich mir vorstellen, dass es mich gerade deshalb womöglich anders endlich auch wieder viel mehr nach draußen ziehen wird, wie es jetzt schon zunehmend beginnt zu tun. Erstmals freue ich mich auf die Kälte, die auch so viel Konzentration anbieten kann. Erstmals erlebe ich nicht nur, dass ich mich füge (und eben bloß versuche, das Beste daraus zu machen), wie ich es sonst meist getan habe, sondern dass es so etwas wie eine aktive Freude geben kann. Erstmals traue ich mich nach und nach, so etwas wie Lust zu empfinden, Lebenslust. Weit abseits von Angst und Gier. Erstmals erlebe ich wirklich unaufgeregte Vorfreude.

Erstmals vermisse ich F. so überhaupt nicht, ohne aber zweifeln zu müssen. Erstmals scheine ich langsam eine neue Qualität von Vertrauen zu begreifen, weil sie so anders aus mir heraus kommt.

Das aber sind alles ganz andere Ahnungen – und in den Momenten, wo sie da sind ist auch klar: sie sind jede Entscheidung gegen so vieles an Glauben wert.

merkwürdig

•20. September 2009 • Kommentar schreiben

Es war eine intuitive Entscheidung, es anders zu machen, „als nach Lehrbuch verlangt“. Zu lange saßen die beiden Tiere nun zwangsläufig getrennt, zu lange, als dass ich es auch nur noch einen weiteren Tag hätte ertragen wollen, diesen Blick auf zwei unglücklich isolierte Etagen, für die ich schon so vieles scheints vergeblich getan habe.. Es war die seit Monaten erstmalig gefühlte Gelegenheit, in der es machbar schien. Ich habe also bloß nach Instinkt die Durchgänge geöffnet, in aller Ruhe und orientiert an den Möglichkeiten jedes einzelnen Tieres. Was es zu verlieren gab, war „nur“ der Plan, eigentlich noch woanders hin zu wollen, und durch meine Abwesenheit also nicht verhindern zu können, wenn etwas schief geht.

Die Gedanken an diese Gasse, die das Ziel gewesen wäre, sind so untrennbar mit A. verbunden, dass ich implizit überzeugt war, ihn heute dort zu sehen, so wie wir es immer schaffen, sein zehn Jahren inzwischen bereits. Immer im richtigen Moment, nie suchend – weil immer schon vorab wissend.. Er gehört zu den wenigen Menschen in meinem Leben, mit denen ich tatsächlich nie direkt in Kontakt stehen muss, um dennoch stets auch dermaßen verbunden zu sein.

Sein sms (das erste nach vielen Monaten, oder noch länger?), überrascht mich in diesem Sinn also auch nicht: „denke an dich. wie geht’s den tieren?“ Kurz darauf schon läutet er an der Türe und ist mir wieder reales Gegenüber.

Die Geschichte, die mich mit ihm verbindet, gehört wohl wirklich zu den unvorstellbarsten, die es geben kann, selbst für mich. Begraben, bevor auch nur die geringste Chance bestanden hat, ihr ausgeliefert zu sein. Streng genommen war sie nicht mehr, als eine Ahnung, und bei aller Schönheit der gesehenen Sequenzen in ihrer Konsequenz im selben Augenblick auch unerträgliches Schreckgespenst. Sie war der erste Moment, in dem ich entschieden hatte, dass es möglich sein muss, selbst einzugreifen zu können – und sich „seinem Schicksal“ nicht zu ergeben. So viel hat sich verändert, so entschlossen hatte ich mich einst dagegen entschieden, dass ich selbst kaum noch daran glaube. Sie ist wie ein völlig verblasster Traum, an den man sich nur mit Mühe zurück erinnert, ohne begreifen zu können, dass man selbst angeblich daran Teil hatte und womöglich nicht alles bloß Einbildung gewesen ist. Geblieben ist aber diese unbegreifliche Vertrautheit, oder besser, eine völlige Unmöglichkeit zur Unvertrautheit, wie sie unverständlicher Weise bereits im ersten Moment vorhanden war, als wir uns damals begegneten, und ich einfach wusste, wer er sein würde, wenn ich es zuließe. Sie wäre heute neun Jahre alt – und ich habe mich längst so sehr an die Unglaublichkeit gewöhnt, dass ich schon lange dazu übergegangen bin, dem allen keinerlei Bedeutung beizumessen, und es als bloße Einbildung abzutun.

Und dennoch, als er mich aber zum Abschied in den Arm nimmt, ist auch bei mir dieses einstige fassungslose Wissen für einen Augenblick völlig überraschend zurück. Und eine leise Ahnung begleitet ihn als Frage in meinem Kopf mit zur Türe hinaus:

Warum bin ich mir eigentlich wirklich inzwischen längst so sicher, dass ich damals phantasierte? Was wäre gewesen, wenn ich mich wie so oft den eigenen Intuitionen gefügt hätte? Wäre das alles in weiterer Folge wirklich so untragbar gewesen, wie es mir damals erschien? Oder hatte ich meine Bilder bloß nicht weit genug geträumt?

(Und gerade dämmert mir noch, es könnte wirklich stimmen, dass wir uns im Wesentlichen tatsächlich immer nur im Spätsommer begegnet sind. Für bunte Frühherbsterinnerungen mit dieser fröstelnden Ahnung..)

wiederholt

•13. September 2009 • Kommentar schreiben

Ihre Augen hatten diese lachende Form, wie verkehrte Halbmonde, die bei jeder Bewegung kichernd tanzen. Die blonden Locken hüpfen dabei so verführerisch schmeichelnd um ihre Züge, dass es schwierig wird, woanders hinzusehen. Wäre da nicht ihr Körper, der immer diese paar Zentimeter zu nahe rückt, ständig auf Tuchfühlung kommt, sehnsüchtig nach Berührung giert, ohne dass es je einen angemessenen Anlass gäbe, man könnte meinen, es mit einem glücklichen Menschen zu tun zu haben.

Aber vielleicht verstehe ich auch einfach nur nicht, glücklich zu sein. Vielleicht nehme ich alles bloß zu schwer. Vielleicht fehlen mir tatsächlich ein paar Synapsen oder Botenstoffe, wer weiß das schon. Ich kann jedenfalls nicht verhindern, trotz all des Trainings immer wieder auch in diese eigenwilligen Zustände zu geraten, die so überbewusst vor Augen führen, wie unhaltbar schnell alles vorüberrast. Ich merke mir kaum Namen, Geburts- oder Jahrestage, so viele Dinge dringen kaum in mein Gedächtnis vor. Die Tage verfliegen einfach so unfassbar schnell, dass es mir immer wieder die Luft raubt. Selbst wenn ich auf Rückzug schalte, mich aus allem rausnehme, erfasst es mich. Wozu das alles? Ich kann immer noch nicht glauben, dass das Symptome einer Depression sind, egal wie viele andere mir mehr oder weniger nahezu idente Zustände als genau das beschreiben. Ich kenne es nicht grundlegend anders.
Und ich kann mir auch nicht vorstellen, wie es tatsächlich so anders sein kann. Ich meine, das sind doch alles einfach Fakten. Dieses hier sein, ohne wirklich eingreifen zu können. Mehr als in Form der üblichen kleinen Spielereien. In den guten Momenten macht das nichts als gelassen. Dieses ständige Bewusstsein, nichts als ein so schnell vergänglicher Punkt unter unendlich vielen anderen zu sein. Dieses Wissen beinhaltet durchaus auch eine gute Portion Freiheit. In solchen Momenten lässt sich genießen, eine gewisse Aufmerksamkeit zu bekommen, sich selbst als nicht unattraktive Erscheinung wahr zu nehmen, sich gewisse Freiheiten und Frechheiten zu erlauben, eben jetzt, für diesen einen Moment, immer spürend, dass der so schnell auch wieder vergangen ist. Es lässt sich nichts halten, das ist die Natur des Lebens, die Vergänglichkeit, der Verlust.
Nicht begreifen zu können, wozu man dann aber etwas leisten, sich aufbauen sollte, weil es ohnehin nie mehr sein kann, als eine kleine Annehmlichkeit zwischendurch, deren Verlust mit dem Vorhandensein bereits vorherbestimmt ist, gehört so vielleicht immer wieder auch nur einfach logisch dazu. Sich mit sich selbst insgesamt irgendwie im Reinen zu fühlen, die meiste Zeit einverstanden, im Großen und Ganzen, mit den Entscheidungen, die man so trifft, ist wohl das einzige, was die Vergänglichkeit erträglich macht. Und damit inzwischen immer öfter auch die Verlustängste.

Nun denn. Wieder ein Tag vorbei, und schon fast eine Nacht, es wird Zeit, sich dem kleinen Tod hinzugeben, auch wenn der mich nach wie vor kaum wirklich locken kann. Die Vernunft ist mein treuester Begleiter, die „glücklichen Momente“ zu mehren. Sich immer wieder auch mal für kleine Augenblicke der Illusion irgendeiner Form von Erfolg hingeben zu können. Wenn alles hier so bedeutungslos ist, kann man sich auch entscheiden, mitzuspielen. Denn was soll’s schon. Mit dieser Hintergrundkulisse an nicht vergessen können der Vergänglichkeit, kann man zumeist wohl nur irgendwie fremd bleiben. Dann lässt sich nur Fügen, ins Unvermeidliche – und eben das Beste daraus machen. Alles andere würde mich bloß meinen Respekt vor mir selbst kosten. Und die mitbekommenen Möglichkeiten sind ja nicht die Geringsten. Das bringt dann wohl auch die wesentlichste Verantwortung mit sich. Denn [sich] aufgeben zählt somit einfach nicht mehr.

Prost Mahlzeit.

centralgarden

•12. September 2009 • Kommentar schreiben

Einen weiteren verschlafenen Tag später, die Wohnung riecht so versöhnlich nach frisch gebackenem Pfirsichkuchen. Aber die Vernunft treibt weiterhin außer Haus.

Zum Abschluss finde ich mich wiedereinmal am Donaukanal wieder. Rund um mich freundlich gesinnte Menschen, wohltuend wie ein Sommerschauer, der heute Gott sei Dank ausbleibt, bevor die Nächte endgültig dem Herbst verpflichtet bleiben. Der stille Blick über die Lichter der Stadt, die sich bunt im Wasser spiegeln, zieht unter die Brücken – und zurück in das Gefühl jener Tage, als ich diese Orte nötiger hatte, als irgendetwas sonst. Diese Brücken, unter denen sich schlafen lässt, während das Wasser alles andere fortschwemmt.

Unvermutet stand ich R. gegenüber, dieser Tage, zufällig und passenderweise, als ich mit r. endlich wiedereinmal meine Runden zog. Unberührt, unberührbar. Plan- und Bedeutungslos klein, erschien er mir. So sehr, dass ich seine Anwesenheit im gleichen Raum nahezu völlig vergaß. Weitere Tage vergehen, bewegt und unbewegt, der Karlsplatz unter den paraflows-Containern fängt nach einer unbedeutend „schicken“ Party auf. Es gibt sie, diese Orte und diese Menschen, das behält inzwischen ausreichend Realität, dass sie auch immer gefunden werden können.

Was macht das Wasser aus, dass dieser Blick unter die Brücken so einen eigentümlich guten Sog zur Verfügung stellen kann? Brücken ohne Wasser wären einfach nur ebenso unbedeutend. Wie gut das eigentlich passt, als Metapher. Unter Brücken schlafen – als Ausdruck absoluter Verweigerung. Nicht darüber gehen, sich aber auch nicht vom Wasser mitreißen lassen wollen. Man bleibt also einfach, wo man ist – und nimmt das Leiden in Kauf, wenn diese Spielverweigerung dauerhaft betrieben wird.

Die Musik tönt mir noch nach, während ich das Ufer verlasse, zurück zwischen die wärmenden Häuserfluchten, in die Pfirsichkuchenduft getränkte Wohnung.. Alles so unverzichtbar bedeutungslos..


rasant

•26. August 2009 • Kommentar schreiben

Die Aufgaben mehren sich, die Möglichkeiten ebenso. Räume dürfen erobert werden, nur der eigene Innenraum ringt zwischendurch mit der Überforderung, wieviel plötzlich wieder ansteht – und in den besten Momenten einfach machbar erscheint. Niemand stellt sich in den Weg.
Als Agiatorin wurde ich bezeichnet, und gebeten, selbst ein Pamphlet für ein anderes Blatt – und für eine gute Sache – zu erstellen.

Wenn sich aber plötzlich so viele Möglichkeiten bereit zu stellen scheinen, bleibt vor allem, mit den Beschränkungen in sich selbst wiedereinmal fertig werden zu müssen.

Und dabei muss ich mich fragen: Wieviel haben Aufgaben mit sich aufgeben zu tun? [Aber ich muss darauf zurückkommen – derzeit weiß ich den Begriff sich zu profilieren einfach mehr zu schätzen. Im Wortsinn: sich scharf zu zeichnen.]

verschätzt

•25. August 2009 • Kommentar schreiben

Weil es nicht um mich ging, war ich in der Lage, ihn anzurufen. Auf der Mobilbox hinterlasse ich nur „Kannst du mich bitte zurückrufen? Ich brauche deine Hilfe“. Kaum zwei Minuten später kam der Rückruf: „Was kann ich für dich tun?“ fragt er. In wenigen Sätzen bitte ich ihn, einen Beitrag zu verfassen, gegen den Verbau des Augartenspitz mit dem geplanten Sängerknaben-Konzertkristall. Er stimmt sofort zu und meint noch, „Ich schulde dir auch noch mein letztes Buch. Sobald ich wieder in Wien bin, bringen wir das alles in Ordnung.“

Und ich hatte ihn schon abgeschrieben, als sozialen Opportunisten in der Midlife-Krise – und als privaten Kontakt also uninteressant.

Auch die anderen Anfragen gestalten sich ähnlich überraschend positiv.

Abends lasse ich den bewegten Tag ausklingen und treffe dabei zufällig auf einen losen Bekannten.

„Ich habe mich gerade gefühlt, wie ein Kind an der Hand seiner Mutter“, wurde ich aus einer Situation heraus [nicht ohne ein verschmitztes Grinsen dabei] von ihm angepfaucht. Ich konnte nicht anders, als schallend zu lachen. „Entschuldige, das war nicht meine Absicht, wird nicht mehr vorkommen.“ Darauf er: „Können wir damit die Smalltalk-Ebene jetzt endlich verlassen? Sonst werden wir ewig weitermachen, wie bisher, uns freundlich anlächeln und Grüßen, wenn wir uns begegnen – aber nie wissen, wer der andere eigentlich ist“. – „Du wirst mir immer sympathischer“, sage ich, immer noch lachend, im Reflex.

Das aber ausgerechnet jemand, der wie ein sexuell unausgegorener Jüngling mit unsicherer Körperhaltung wirkt, es als erster Mensch in meinem Leben schafft, mich dermaßen erfrischend direkt zurechtzuweisen, war gelinde gesagt – eine Überraschung. Die Gespräche danach glichen eine Erholung für die Sozialstrapazierten Nerven und ein Mensch, von dem ich das nie erwartet hätte, bleibt im besten Sinne ein wenig hängen.

Manchmal bin ich vielleicht immer noch zu schnell, in meinen Urteilen – und vertraue ihnen nach wie vor nicht ausreichend. Meinen Kontakten – und ihrer Wertschätzung.

bedacht

•24. August 2009 • Kommentar schreiben

Nein, wir haben uns wirklich nichts geschenkt. Der große Fehler ist dennoch, die begangenen Entmachtungen als intuitiv instrumentalisierte Schuld gegeneinander zu stellen. Ich nehme aber auch Abstand von der Idee, diese Form des Handelns entspränge einem Plan. Einem direkten Wollen. Die große Kunst ist und bleibt nämlich zu begreifen und anzuerkennen, was man versehentlich, unbewusst jeweils anrichten kann. Da finden sich schließlich die eigenen blinden Flecken.
Und aus seiner Geschichte heraus habe ich ihn nun mal ebenso retraumatisiert, ebenso umfassend entmachtet, wie er mich. Meine Aufgabe also besteht darin, mit meinem Schmerz und meiner Wut über das Geschehene so fertig zu werden, dass sie nicht ständig wieder als Mahnmahl auftaucht, sobald er heute etwas macht, was mir Angst macht. Seine ist es, selbst das Gleiche zu tun. Ich denke an diesen wunderschönen Tag im Augarten, als in mir alles wieder zurückkehren konnte. All meine Begeisterung, meine Verliebtheit, mein Begehren zu ihm. Ihn aber hat es erschüttert. Beängstigt. Weil das der Ursprung war, aus dem meine Unfähigkeit, ihn wahr zu nehmen einst entstand. Weil ich ihn völlig absorbiert hatte, in meine Sehnsüchte, mein Wollen, nicht berücksichtigend, wie sehr ich ihn überforderte, überwältigte.

So steht in Wahrheit die gleiche Geschichte in einem anderen Rahmen gegeneinander: Als er in Situationen kam, wo er sich selbst nicht mehr ausreichend schützen konnte, nicht in einer Form Nein sagen konnte, dass es in mir etwas bewegt hätte, konnte ich ihm nicht helfen. Ich konnte ihn nicht schützen, vor mir selbst. Das war umgekehrt nicht anders.

Ich weiß nicht, ob soetwas wirklich zu heilen geht, oder nur unabhängig, in neuen Bindungen zu lernen. Ich weiß nicht, ob es nötig ist, sich Gegenüber zu suchen, wo derartige Grundmuster so perfekt konträr ineinander greifen, und vor dermaßen gewaltige Aufgaben stellen. Wir wissen wohl beide nicht, ob wir das wirklich wollen können, sollten und dürften.
Aber wenn ich ihn ansehe, seine Pläne, sein Sehnen ansehe, sehe ich ein Leben, das ich gerne teilen können würde. Ich sehe einen Menschen, den ich zutiefst respektieren kann, auch wenn er für mich dermaßen bedrohliche Seiten besitzt. Und das aber, passiert auch nicht wirklich oft.
Ich kann nicht anders, als mir immer noch zu wünschen, dass wir einen Weg fänden, auf dem wir uns auch lieben können, ohne dass es so verdammt ausweglos bedrohlich wird.

Wir sind füreinander der absolute Aufruf, selbst die Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst einstehen zu können. Sich mit nichts Geringerem zufrieden zu geben. Und das schmerzt, macht Angst, ist (zu) viel – aber auch: etwas wirklich Einzigartiges. So ist das nunmal.

[Und ich bin mir absolut nicht sicher, ob F. mir tatsächlich mehr vergeben hat, als ich ihm. Sich seinen Ängsten so viel weiter gestellt hat, als ich den meinen. Ich glaube eher, wir stehen uns nicht um viel nach. Wir sind beide sehr weit gegangen, an manchen Stellen aber immer noch nicht weit genug. Sonst wären wir wohl nicht  immer noch die unlösbare Aufgabe, die wir stets auch sein können, füreinander. So bestehen die gegenseitigen Forderungen also wohl nichts als zurecht.]

homebase

•24. August 2009 • Kommentar schreiben

Es ist nicht so einfach, gegen Schwermütigkeit, getarnt in Komplexheit anzukommen, wenn man selbst nicht unbedingt ein Depressionsunbegabtes Wesen sein eigen nennt. Die Intensität der daraus resultierenden Emotionen besitzt schon eine magische Anziehung. Und wir sind diesbezüglich wohl beide recht begabt. Mitten drin, in so einem Magnetismus, hilft wohl nur, sich aktiv wieder auf ganz andere Seiten zu besinnen. Sich fern zu halten von allem, das die Sentimentalität und Dramatik weiter befördert. Sich erinnern: Es ist die Komplexität, die Tiefe, die ich will. Nicht die Verzweiflung. Also wiedereinmal: Besser für den Moment an Sonne, Wasser, Wellen, Begierden und Lachen denken. Sich vor Augen führen, dass man das alles ja auch kennt. All das ebenso erreichbar ist. Aussteigen aus dem unwiderstehlichen Sog, den das alles sofort auch wieder bereit hält. „Einfach“ aktiv dagegensteuern.
Und über das notwendige Programm, die eigenen Manipulationen, derer man sich schuldig gemacht hat, erst wirklich konkret nachdenken, wenn man aus dem Gröbsten wieder heraußen ist. Sonst tut man niemandem einen Gefallen. So verlockend das Verantwortungsgefühl auch ist – es ist destruktiv, in manchen Momenten.

Also: es scheint die Sonne, eine kühlende Brise frei Haus mit liefernd, es gibt Aufgaben – und Möglichkeiten! Jetzt.

versehen

•23. August 2009 • Kommentar schreiben

Wie soll das funktionieren, wenn alles ständig sein Gesicht trägt? Nicht einmal mehr wissen zu können, warum man weint, das ist das Schlimmste. Hier zu sitzen, wiedereinmal verdauen zu müssen, was es zwischen uns alles zu vergeben gäbe, so viel Schuld, instrumentalisiert, auf beiden Seiten. Erst waren es meine Ungeduld, meine (Be-)Drohungen, mit denen ich jedes sanfte Kennenlernen unmöglich gemacht habe, dann seine ultimative Gegenwehr. So sind wir uns nichts – und alles – schuldig geblieben. So sehr gebunden, aneinander. So weit entfernt voneinander. Trotz allem näher, als irgendjemandem sonst. Und dabei war ich gar nicht sentimental, bereit, allem einfach ins Gesicht zu sehen. Ihm und mir ins Gesicht zu sehen. Wir haben uns also getroffen. Am so passend ironischen Ort, der psychotherapeutischen Praxis. Über all das gesprochen. Vor Erschöpfung eingeschlafen, überwältigt von meinem Schweigen, von dem ich selbst nicht weiß, wie es kam. Selbst fassungslos war, über die eigenen Reaktionen, als er es doch ansprach. Er, der er nur davon wusste, weil er es hier gelesen hat. In einem schlimmen Moment.
Das alles irgendwie trotz allem gar nicht so schlecht gegangen.

Aber dann sitze ich hier, im Hintergrund läuft leise irgendein Film, und plötzlich – dieses Lied. Und wie eine gezündete Leuchtrakete blitzt im gleichen Augenblick die Erinnerung auf, als wir gemeinsam diesen Film sahen, und mich das Lied damals so überraschend berührt hat. Wie ich bald darauf eine CD von ihm bekam, sie einlegte – die wunderbare Mischung damit begann und mich erneut zu Tränen rührte. Und mein Gefühl damit wohl auf ewig eingebrannt zu sein scheint.

Wie also soll ich das alles machen, wenn ständig alles sein Gesicht trägt?

subjektives marktversagen

•20. August 2009 • Kommentar schreiben

„Was aber bedeutet die unüberhörbare Forderung des heute herrschenden Diskurses an den Einzelnen, mit dem Fluß der Zeichen zu fließen, die Grenzen der subjektiven Kontrolle aufzulösen und dadurch unbestimmt, undefiniert und flexibel zu sein? Warum wird heute nur derjenige gefeiert, der am schnellsten fließt und sich nicht eindeutig orten und festlegen lässt? Im Großen und Ganzen kann es sich hier offensichtlich nur um ein Programm der äußersten Angst, der extremen Paranoia, des absoluten Verfolgungswahns handeln – denn nur derjenige, der sich ständig von einem verborgenen Subjekt beobachtet, verfolgt und bedroht fühlt, kann sich zum obersten Ziel setzen, dieser Beobachtung zu entweichen, jede Festlegung zu vermeiden, die eigene Position nicht anzugeben, ständig zu fließen und die Angaben über seine Befindlichkeit permanent zu ändern.“

[Groys, Boris (2000): Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien. München/Wien: Carl Hanser (40f).]

Natürlich spricht Groys vom Markt. Vor der Angst des möglichen Scheiterns am Markt. Natürlich denke ich dabei wieder an alles mögliche andere auch – und muss mich erst mal wieder genauer fragen..

umdeutungen

•14. August 2009 • Kommentar schreiben

Erstaunlich, wie sich manche Träume auch in anderen Köpfen festsetzen, Gefallen finden und weiterschwingen. Vor einem guten Jahr hatten ich A. das erste Mal davon erzählt, davon, was ich mir für die Gegend hier wünsche, einfach, weil es mir selbst fehlt. Fast erleichtert hatte ich den Gedanken bei aller Verlockung wieder fallen lassen, ob seiner damals zurückhaltenden Reaktion.

Heute kam das Thema wie von alleine wieder auf und begleitete unseren langen Abend, weil er plötzlich zum Antrieb – und ganz konkret – wurde. So führten unsere Wege durch das ganze Viertel, auf der Suche nach guten Räumen. Einige Adressen uns Telefonnummern zieren nun den Postzettel, den ich bekam, als ich F’s Bücher mangels besserer Möglichkeiten als Paket versendete. Und plötzlich wird das alles irgendwie konkret. Ernsthaft überlegt. Pragmatisch angegangen.

Bloß, weil man nicht mehr nur alleine träumt. Und die Räume immer noch brach liegen.

[So viele Möglichkeiten. Gut zu überlegen.]

*

Und die vielen schönen Einladungen tränken die Seele wie ein warmer Sommerregen.

gefragt

•13. August 2009 • Kommentar schreiben

Das ist schon seltsam. So automatisch laufen die Distanzierungen, dass sie gar nicht mehr auffallen. Mein bedrückendster Gedanke die Tage war, dass die Gleichmütigkeit, in der ich mich inzwischen den Abwesenheiten füge, tatsächlich F. betreffen könnte. Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, war so sehr auf der Hut, dass es kaum spürbar gedauert hat, mich wieder gänzlich unabhängig von ihm einzurichten. Das funktioniert, es tut längst nicht mehr weh, er fehlt mir nicht direkt. Ich mache weiter, wie gehabt, liebe spontan, ohne näheres zu kennen, entliebe ebenso spontan, weil es einfach besser passt. Ich lebe mein Leben, kümmere mich um das, was ich mir als Alltag wünsche, mache viele Dinge – und das alles funktioniert. Die größten Belastungen der vergangenen Jahre haben sich auf ein derartiges Minimum reduziert, dass sie kaum noch ernsthaft ins Gewicht fallen.

Im gleichen Moment allerdings, holt mich diese Unbedeutendheit auch ein. Ich kenne niemanden sonst, in dem ich ein derartig intensives Gegenüber hätte. Ich kenne niemanden sonst, den ich für so vieles dermaßen schön finden kann. (Im Wissen..) So wenig ich die oftmals auch bestehende Grausamkeit (die so leicht aus Ehrgeiz werden kann) vermisse, so sehr vermisse ich so ein Gegenüber. Seine Leidenschaft. Wenn auch verschoben zu den meinen manchmal, so doch auch für mich so sinnvoll – und in der gleichen Intensität allgegenwärtig.

Also bleibt die Frage: Was wird sein, wenn diese Unbedeutendheit sich wirklich durchzusetzen vermag? Ich kann Themen ein ähnliches Gewicht geben. Aber wird es dann noch solche Menschen dazu geben können?

(Oder verändert nur das Vermissen seine Gestalt?)

*

robin

•10. August 2009 • Kommentar schreiben

Es ist schön zu erleben, dass sich manche Phänomene anscheinend auch unter völlig veränderten Bedingungen nicht auflösen müssen. Als ich im Prater ankomme, schickt r. einen scharfen Pfiff als Orientierungshilfe über die Allee. Ich genieße die offene Herzlichkeit, die ihre Kreise längst weitergezogen hat, bin froh, über die Wahl seiner Frau, die diese Erscheinungen so sehr sein lassen und mitmachen kann. Wir haben uns lange nicht gesehen, r. strahlt, wie immer, spielt mit dem Hund, und mit der gleichen gelassenen Selbstverständlichkeit mit seiner fünf Wochen alten Tochter. Die weiche Toleranz, mit der M. der Welt begegnet, lässt all dem so viel Raum.

Heute habe ich wohl zum ersten mal selbst ein so kleines Kind herumgetragen. Sie seufzt und grummelt, während sie sich an den Körper schmiegt und noch als Ganzes auf (m)einen Unterarm passt. r. macht mir diese Nähe erst möglich, indem er lebt, wie einfach manches auch sein kann. Die Stimmung trägt. Nichts anderes braucht es, in diesem Moment.

Als mich also ein hübscher blonder Mann im Vorbeilaufen strahlend anlächelt, kann das gar nichts bedeuten.

Als ich einige Stunden später noch an der Bar einkehre, steht dieser Mensch zum zweiten Mal vor mir. Mehr als das strahlende blonde Lächeln kann er allerdings nicht bieten. Als dafür auch noch M. wiedereinmal nicht weiter in der Lage ist, einer Begegnung stand zu halten, ergreife auch ich die Flucht. Sehe die Segelboote langsam am Horizont verschwinden. Stattdessen läuft Blondie mir ein weiteres mal, diesmal buchstäblich nach, und fragt flehentlich, ob ich denn wirklich schon gehen muss, oder ob er mich nicht doch ein Stück begleiten kann.

Mein Körper schnellt herum, während mein Arm ihm im Reflex ein deutliches Stop entgegenschleudert: „Nochmal: Nein. Lass mich  einfach gehen.“ herrsche ich ihn dermaßen heftig an, dass er wie versteinert stehenbleibt, während ich in die Nacht fahre und seltsam zufrieden bin, mich nie mehr mit weniger zufrieden geben können zu wollen.

Sich selbst bewahrt. Im Endeffekt alles, was zählt.