Im Trubel der Tage kommt es zu einem ungeplanten Gespräch.
Sie ist ein quirliges Wesen, klein, zierlich, temperamentvoll und herzlich. Bei unserer ersten Begegnung kam ich meiner Art entsprechend leicht verspätet in den längst überfüllten Raum, um Eva Illouz über Gefühle in Zeiten des Kapitalismus berichten zu hören. Als ich eintrete, blickt sie von ihrem Notizbuch auf, sieht mir direkt in die Augen, nimmt ihre Tasche vom Stuhl neben sich – und nickt mir auffordernd zu. Später erzählte sie einmal, dass sie nicht wusste, warum und für wen sie den Platz eigentlich besetzt gehalten hatte. Wir haben keinen wirklich engen Kontakt, den hatten wir nie, und doch blieb ab da immer eine Form von Verbundenheit, die zu einer guten Art der Verbindlichkeit geführt hat. Die Vereinbarung lautet in etwa zu wissen, was man sich alles nicht zumuten kann, wie mir zum Beispiel zu anhänglichen Kontakt. Das war stillschweigend und in bester Selbstverständlichkeit Grundlage unserer herzlichen Offenheit, wenn wir uns begegnen.
Als sie mich anruft fragt sie, wie denn mein Urlaub war. Sie fragt, wie es mir geht. Sie nimmt in ausgesprochener Zustimmung teil, an meinen üblichen großen Fragen, die mich immer begleiten, in größerem oder kleinerem Ausmaß. Sie erzählt über ihre Komplikationen in ihren Arbeitsbeziehungen und sonstigen Bindungen. Als wir uns fühlbar dem Ende der Unterhaltung nähern, bemerkt sie beiläufig:
„Bei mir wurde Multiple Sklerose diagnostiziert.“
Ich kann kaum anders, als sie zu fragen, wie sie sich denn unter diesen Umständen eigentlich noch meine – doch so hausgemachten – Krisen immer wieder anhören wolle, wenn sie doch selbst soeben erst in eine extern diagnostizierte gezwungen wurde.
Sie glaubt nicht an die unbegründete Erkrankung. Sie ist überzeugt, durch ihre Art zu Leben dazu direkt beigetragen zu haben. Sie glaubt nicht an sich, als unschuldiges Opfer. Sie meinte nur: „Ich hätte mich all diese Dinge, die bei dir den Alltag ausmachen, selbst viel konkreter fragen müssen. Ich habe immer wieder weiter gemacht, durchgebissen, Ziele verfolgt. Ich wusste, wieviel auch einfach falsch rennt, das mir nicht gut tut auf Dauer. Ich habe mich den Fragen nicht in der notwendigen Intensität gestellt, die für dich so alltäglich sind. Es tut mir gut, an dir zu sehen, dass man sich diese Fragen stellen kann. Sie stehen bei mir nun eben auch an.“
Als wir uns verabschieden vereinbaren wir, dass ich ihr Leiden für mich behalten werde. Sie will nicht als erkrankt angesehen und behandelt werden. Sie will sich, in den Momenten, in denen sie ihre Höhle verlassen kann, in die sie sich erstmal zurückgezogen hat, als sie selbst behandelt wissen. Sie weiß, dass sie auf mich vertrauen kann, in beiderlei Hinsicht, weil sich für mich tatsächlich nichts ändert. Sie bleibt der gleiche Mensch für mich und sie gehört vor allem auch zu jenen Menschen, die ihr Leid nicht instrumentalisieren, um andere an sich zu binden. Somit wird sie auch von mir keinerlei Gegenwehr zu befürchten haben. Ich kann ihr geben, was sie braucht, solange sie meine Grenzen respektiert. Und das tut sie, weiß Gott. Das ist es wohl auch, was uns immer schon so unerklärt verbunden hat. Es wird sich nichts direkt ändern, aber sie kann mit jemandem sprechen – und man weiß, stillschweigend um die vielschichtige Verbundenheit, die sich nach und nach aufbaut, wenn man sich das nächste Mal sieht.
Ja, es ist schon so: Menschen vertrauen sich vor allem dann gerne an und können sich gut aufgehoben fühlen, wenn sie darauf zählen können, dass ihr Gegenüber unbetroffen bleiben kann. Nur dann kann man hinhören. Und das ist die einzige Möglichkeit zu helfen, die es in Wahrheit gibt.
