Ob man irgendwann zu alt ist, eine Liebe zu überwinden? Damit denke ich nicht an den existentiellen Liebeskummer im Teenagerformat, die enttäuschten Träumereien, die sich noch so einige Jahre über die Runden retten, vielmehr denke ich da an eine Liebe, die man vielleicht schon oft verloren und beerdigt geglaubt hat, die aber jedesmal auf’s Neue einen Weg findet, aus ihrer eigenen Asche wiederaufzuerstehen, solange man sie nicht (erneut) gezielt zerstört.
Meine Mutter hat mich diesbezüglich ein paar Mal in letzter Zeit überrascht (überhaupt jetzt, seit den Schlaganfällen, wo sie plötzlich viel mehr über die Vergangenheit als über die Gegenwart spricht). Sie meinte ein paar mal, dass meinen Vater aufzugeben wohl ihr größter Fehler in diesem Leben war. Im Krankenhaus sagte sie auch noch, dass sie mich so sehr dafür bewundere, dass ich nicht davonlaufe, wie sie und er es immer wieder getan haben. Sie meinte, in diesem Punkt hätte ich ihnen wirklich viel voraus. Im gleichen Atemzug meinte sie auch, dass eine große Liebe wohl vor allem aus einer Haltung erwachse, der aber weder sie noch er gewachsen waren, die sie an mir aber Jahr für Jahr verstärkt beobachten könne.
Ich weiß nicht, ob sie recht hat. Ich neige immer noch dazu zu glauben, dass es doch auch einfacher gehen müsse. Und doch, nachdem ich F. nun nach so langer Zeit wieder gesehen habe und mich selbst so überrascht habe, mit fehlenden Ressentiments und Sanktionen, mit meiner eigenen offenen Zugewandtheit, war auch dieses Gefühl wieder ungebändigt zurück. Ich war nicht gewappnet, dagegen. Ich hatte auch nicht mehr wirklich gerechnet, damit. Ich dachte, wir hätten zu viel zerstört, längst, mit unseren jeweiligen Eigensinnigkeiten, die sich doch immer wieder auch so gnadenlos verspießen können, ineinander. Ich dachte, weil ich mich doch auch so leicht abwenden und anderem zuwenden kann, inzwischen, dass es vielleicht wirklich einfach nicht mehr da wäre, sondern nur noch die Erinnerung daran das ist, was manchmal noch wirkt. Es ist nicht aufgelodert, in romantischer Form, nicht ausgebrochen, aus einem Verlies, es war einfach da, unverändert, unzerstört, unantastbar, nur weil keiner von uns beiden in diesem Moment etwas dagegen unternommen hat. Es war ein Gefühl, so vertraut und glücklich zu Hause zu sein, ohne einer Sekunde der Langeweile. Ein sich kennen, aus einigen der dunkelsten Stunden, und immer noch lieben, gegen jede Logik – was ein ganz eigenes, mir sonst in dieser Tiefe unbekanntes Gefühl des Vertrauens aus tiefer Vertrautheit und Respekt beinhaltet.
Manchmal denke ich dann, ja, lauf weg, wenn du das brauchst, stoße dir deine Hörner ab, wo du es nötig hast, treibe dich selbst weiter, so weit du eben musst, solange wir nur bitte nicht mehr dagegen ankämpfen müssen. In diesen Momenten scheint mir, dass nichts so viel zerstören kann und schmerzt, in einem selbst, wie dieser Kampf gegen diese irrationale Verbindung, die aber doch schon einst einfach da war, und die anscheinend in veränderter Form unverändert da ist, vielleicht auch nur noch tiefer eingeschrieben, nach fünf Jahren des aneinander Abarbeitens.
Und in diesen Momenten denke ich auch, wie soll denn da überhaupt eine neue Bindung eingegangen werden können, wenn doch einfach ein so großer Teil schon so beschrieben ist. Das ist nicht der bequeme Weg, keine Frage, aber kann eine lauschigere Liebe die sich diese Wege erspart mit derartig unbeugsamen Einschreibungen je konkurrieren? Ich meine, ich kann mit der Vorstellung leben, nicht mit dir zu leben, aber wird je jemand anderer mein Leben teilen können, im Wissen, dass es soetwas wie dich gibt? Und so also kam der Gedanke auf:
Ob man irgendwann einfach zu alt ist, eine Liebe zu überwinden? (Und damit meine ich nicht jetzt, aber wer weiß das schon.)
